Lockdown "hart" 2 - day 09 - über einen unerwarteten Geldsegen, die Hygiene, unser System und Reportagefotografie

Tag Neun im harten Lockdown. Hab mich heute rasiert. Auch in der Haft sind Hygiene und Körperpflege unabdinglich. Es hält dich am Leben! Ich hab auch die Jogging-Hose am Tag Zwei wieder in den Kasten verbannt. Mangelnde Disziplin führt zu Trägheit, Trägheit führt zu Rast, Rast führt zu Rosten und nachdem die 71er-Modelle keine Garantie auf Durchrosten haben, kommt das nicht in Frage.

Hab dann später im Auto einen Mann gesehen, der gerade Altglas entsorgt hat. Im Kofferraum seines Wagens eine große Kiste voll leerer Weinflaschen. Noch einer, der sich die Situation oder das Leben an sich schönsäuft. Er schaut her zu mir, ich mache die Korkenzieher-Geste, führe den Daumen zum Mund und strecke ihn dann mit einem anerkennendem Grinsen nach oben!  Sei gegrüßt, Bruder im Geiste. Er nickt lachend! (Für alle Skeptiker, die sich jetzt fragen, wie sich das im Vorbeifahren ausgehen soll: 1. Schon mal was von einer 30er-Zone gehört? 2. Mir wurscht, aber schon mal was von Schwellen gehört? Und 3. Schwelle in der 30er-Zone und gleich danach ein mitten in der Straße geparktes Auto, weil der Fahrzeuglenker 49 Weinflaschen entsorgen muss. Beweisführung abgeschlossen).

Unser System

Die Begegnung bringt mich ein wenig auf andere Gedanken. Hab heute Morgen einen ziemlichen Schleim gehabt. Da liest Zähne putzend und über's Handy wischend die E-Paper-Ausgabe von der Kleinen Zeitung. Im Wirtschafts-Teil ein Interview mit Franz Schellhorn, Chef der Agenda Austria. "Können nicht jeden Betrieb mit Staatsgeld retten" prangert in fetten Lettern die Überschrift. Weiter - er plädiert für einen Kurswechsel. Österreich sei zu großzügig. "Mit diesen massiven Finanzhilfen können wir nicht weiter machen. Je länger die Krise dauert, desto mehr muss man sich fragen, ob man diesen Weg noch fortsetzen kann." Aha. Ich hab die Zahnbürste abgeschaltet, das Speichel-Plaque-Borstenabrieb-Zahnpasta-Gemisch in meinem Mund von einer Seite zur anderen gedrückt, die Augen zugekniffen und nur "Ffffffraaaaannnnffffzzz" gesagt. Musste mir danach den Mund abwischen. Inwiefern da bei dem Interview was anders geschrieben als tatsächlich gesagt wurde, weiß ich nicht. Kann ich auch nicht überprüfen. Dennoch beginnt mein Philosophie-System hochzufahren. Massive Finanzhilfen. Für wen? Definiere "massiv" Franz. Ich schaue mir später, weil mir die Agenda Österreich überhaupt nichts sagt, deren Webseite an. Der Reiter "Spenden" sticht ins Auge, wo ich das Zitat vom selben Herren "Wir werden von den Arbeitnehmerorganisationen gerne abwertend als "Lobby-Verein" bezeichnet. Dabei lobbyieren wir ja tatsächlich. Aber nicht für Partikularinteressen der Industrie, sondern für alle leistungsorientierten Bürger in diesem Land, die dafür sorgen, dass es Geld zu verteilen gibt. Um jene mit nach oben zu nehmen, die wollen, aber nicht (mehr) können." vorfinde. Ganz schlecht, Franz. Ganz schlecht. Ich könnte jetzt eine nahezu endlose Litanei darüber verfassen, wie viel ich seit Beginn meiner Selbstständigkeit in "unser" System eingezahlt habe. Ich könnte darauf verweisen, dass ich mein ganzes Leben noch nie arbeitslos gewesen bin, dass ich mir meinen jetzigen Hauptberuf in meiner Zeit als Angestellter neben einer Vollzeitanstellung nebenbei aufgebaut habe. Anführen, dass ich - zumindest zur Zeit noch - für unser System ein "fetter Aktivposten" bin (ein erneut geniales Wortspiel, kauft man ein "f" dazu, wird ein "fetter Aktivpfosten" daraus, auch sehr treffend, weil man sich langsam die Frage stellen muss, ob es was mit Intelligenz zu tun hat, wenn man ins System einzahlt. Außerdem will ich abnehmen.) im Sinne dessen, dass ich weitaus mehr in unser System eingezahlt, als heraus bekommen habe. ABER - ich tu es nicht.

Und warum nicht? Weil ich schon jetzt die Stimme meiner Frau höre "Ah dafür hast Zeit, aber die Wohnung raus saugen ist sich nicht ausgegangen!". Außerdem muss ich zugeben, ich hab mit dem Schreibn schon angefangen. Erkenntnis: schlecht für'n Blutdruck und außerdem "mimmmiimmiiiimmmiiiiimmmiiiii".

Kurzum ... Frrrrrrrrrrrrranz ... ich hab vorm Arbeiten keine Angst. Ich arbeite gerne. Sehr gerne sogar. Sonst tust dir die Selbstständigkeit auch nicht an. Denn von nichts kommt nichts. Und wenn du maximal 38,5 h die Woche arbeiten willst, bist in der Selbstständigkeit auch eher fehl am Platz. Aber in einer nicht selbstverschuldeten Situation "Können nicht jeden Betrieb mit Staatsgeld" retten, lesen zu müssen, stößt mir sauer auf. Dann würde ich einfach vorschlagen, dass jeder Betrieb das als Unterstützung bekommt, was er die letzten 5 Jahre in den Topf eingezahlt hat. Dann kann ich mir ein paar Lockdowns gönnen. Mit nasaler Stimme auf der Couch liegend, das Cocktailglas in der Linken, das Ferrero Rocher in der Rechten "Bassttiiiiiaaaaahn. Wir füüühhhllllään uhhhns erschöpft! Er soll einen Lockdown machen!"

Finanzielle Rettung

Ihr merkt schon: heute weht ein anderer Wind! Das passiert, wenn man sich morgens rasiert! Nein. Bekomme einfach ehrlich einen Schleim, wenn ich wieder einmal merke, dass bei uns - wenn man die Grauabstufungen eliminiert und das Ganze auf Schwarz und Weiß reduziert - Leistung bestraft und Nichtstun belohnt wird. Aber ... ich bin total harmonisiert. Total ausgeglichen. Sämtliche negative Energie verlässt meinen Körper (nein, ich hab nicht gerade gefurzt!) ... und plötzlich passiert das vollkommen Unerwartete! Vorbei die finanziellen Sorgen, Lockdown, Arbeiten können ja/nein, Fotostudio betreiben ja/nein, alles verliert an Bedeutung! Weggewischt der Sorge Pein, ich bin fröhlich, was hab ich Schwein! Und all das habe ich Aisha zu verdanken! Aisha aus Oman! Sie hat mir soeben eine E-Mail geschrieben! Sie hat U$ 27.500.000 zu investieren und braucht einen Geschäftspartner und möchte mit mir in Österreich ein Projekt aufziehen. Sie kann es nicht persönlich machen - aufgrund ihres "Flüchtling-Status". Geh scheißen, Aisha! Gibt es eigentlich wirklich Leute, die auf solche E-Mail-Betrugsversuche reinfallen? Wäre reizvoll über Leute, die solche Mails verfassen, eine Reportage zu machen. Wie die leben, wo die leben, wie die ticken, wie sie reagieren, wenn sie mit ihrer Masche mal Erfolg haben sollten ... womit wir beim heutigen Fach-Thema sind:

Reportagefotografie

Ich liebe Reportagefotografie! (Was liebt der eigentlich im Bereich der Fotografie nicht?!?)

Die fotografische Dokumentation dessen, was passiert. Subjektiv wahrgenommen. Objektiv wiedergegeben. Meiner Meinung nach durch's Objektiv wiedergegeben, aber objektiv ... mmmmh ... jein. Es benötigt zumeist einer wörtlichen Ergänzung. Wenn man sich zum Beispiel dieses Bild ansieht, dass ich vor Jahren im Winter in Mailand aufgenommen habe. Man sieht eine alte, bettelnde Frau, die barfuß Passanten um Almosen bittet, die sie ignorieren.

Scheinbar ignorieren. Die Schnepfe mit der hellen Jacke links im Bild geht einfach an ihr vorbei. So unter Umständen der Eindruck für den Betrachter. Tatsächlich hat die Dame mit der hellen Jacke der Bettlerin kurz davor Geld in ihr Körberl geworfen und ihr tröstend auf die Schulter geklopft, ehe sie weiter gegangen ist. Also Fotografie kann auch sehr manipulativ eingesetzt werden. Man sehe sich dieses Foto an und denke sich zwei Schlagzeilen dazu:

1. "IMMER MEHR MENSCHEN AUF DER STRASSE, KEINE HILFE!"

oder

2. "DENEN HELFEN, DIE ES BRAUCHEN".

Ein und dasselbe Foto. Aufgrund der Schlagzeilen unterschiedliche Wirkung. Kann man sich - wenn man will - auch in Corona-Zeiten durch den Kopf gehen lassen.

Der Brand beim Ziegenhof

Ich wurde damals zum abgebrannten Ziegenhof geschickt, um Fotos zu machen. Für die Betreiber eine menschliche Tragödie, für den Fotografen eine heikle Geschichte. Leute mit Kamera werden von den Einsatzkräften verständlicherweise nicht immer gern gesehen.

Entsprechendes Fingerspitzengefühl ist beim Umgang mit Exekutive und Feuerwehr gefragt, umso mehr beim Betroffenen. Die Zeitung braucht ein Foto und jetzt sollst den armen Kerl in seiner Not fotografieren. Respekt und Höflichkeit stehen für mich in der Rangliste weit über "Foto abliefern". Und so habe ich ihn damals gefragt, ob ich ein Foto von ihm machen darf, ob ihm das recht ist, ihm erklärt wofür es ist und er hat eingewilligt. Der Polizist hat ihn noch zweimal gefragt, ob er das möchte und ich hab ihm vorgeschlagen, dass wir das Foto machen und er es sich ansieht und er kann dann noch immer entscheiden, ob ich es verwenden darf oder nicht. Dabei entstand eine Aufnahme, die ergreift, die das Leid, die Trauer zeigt. Ich glaube, dass die Intensität der Aufnahme überhaupt erst dadurch möglich geworden ist, weil ich auf ihn eingegangen bin, weil er gemerkt hat, dass das Ganze  für mich nicht nur einfach ein Job ist. Es geht Dir ja selbst auch total nahe. Da kommst da rüber, siehst unzählige Kadaver von verbrannten Ziegen, der Geruch, weißt, welches Leid das für die Betreiber des Ziegenhofs darstellt ... das lässt einen ja auch nicht kalt. Und gerade da ist für mich Pietät und Respekt unabdingbar.

Umso schöner, wenn die Spendenaktion mit dem Foto, das Du als Fotograf gemacht hast, anläuft und der Familie so für's Erste geholfen werden konnte. Und wenn Du dann ein paar Monate später nochmal rüber geschickt wirst, um den Wiederaufbau zu dokumentieren, dann ist das was wirklich Tolles.

Bäckerei Wiegele

Und dann lernst im Zuge dieser Reportagen voll interessante Leute kennen. Philosophierende Bäcker, wie den Witgar von der Bäckerei Wiegele in Nötsch. Die Schaumrollen sind übrigens eine Sünde wert (Nicht nur die Schaumrollen, aber wenn ich in Nötsch bin, sind die Wiegelschen Schaumrollen ein Must!). Ich mag dieses "Geschichten erzählen", das du mit Reportagen machen kannst. Und abwechslungsreich ist es auch noch dazu! 

Das wäre es für heute, danke für's Lesen, danke für's Zuhören, danke für Euer Feedback! Morgen gibt's dann den nächsten Beitrag.

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