Wie viel Bildbearbeitung ist zu viel?

Landschafts-foto

Das ist eine Landschaftsaufnahme, deren Veröffentlichung ein überdurchschnittlich hohes und positives Feedback zur Folge hatte, bzw. in diversen Social Networks eine Menge "Likes" erhalten hat.

 

 


Soweit so gut ...

... der Punkt ist, dass die Lage vor Ort sich etwas anders dargestellt hat und zwar so:

Betrug!

Also das geht ja wohl entschieden zu weit! Das hat ja nichts mehr mit der originalen Aufnahme zu tun!

Na dann wundert mich nicht, dass der immer so schöne Landschaftsbilder hat!

DAS hat nichts mehr mit Fotografie zu tun!

Entwarnung

Sollten diese oder ähnliche Gedanken Leuten jetzt durch den Kopf gegangen sein, so kann ich ansatzweise beruhigen.

 

Ich zähle zum Lager der Fotografen, die mit vorhandenen Lichtstimmungen arbeiten und die erstellten Fotos dann so perfekt wie nur möglich ausarbeite.


Das erste Mal

Das war soweit ich mich erinnern kann, tatsächlich das erste Mal, dass ich eine Landschaftsaufnahme dermaßen verfälscht habe. Oder besser gesagt - ausgearbeitet habe.

 

Wo hört Realität auf, wo beginnt Verfälschung? Mich hat in diesem Moment fasziniert, wie die letzten Sonnenstrahlen über die Berge gestreift sind. Dennoch sah es dann am Foto selbst relativ unspektakulär aus. Kennen wahrscheinlich viele. Tolles Motiv, Foto Schei... öhm ... scheinbar nicht in der Lage die Empfindung bildlich auszudrücken.

 

Ich erinnere mich noch gut, als ich zu fotografieren begann. Meine erste Spiegelreflexkamera eine Revue AC4 mit Pentax-KA-Bajonett. Scharfstellen von Hand. Mitte der 80er-Jahre kamen die ersten Kameras mit Autofokus, also automatischer Scharfeinstellung auf den Markt.

 

Platzhirsch war damals die Minolta 7000. Autofokus. WER bitte schön braucht so etwas? Das hat ja nichts mehr mit Fotografie zu tun. Dann kann ja jeder scharfe Fotos schießen. Außerdem war ich in vielen Situationen schneller beim Scharfstellen, als ein Bekannter von mir, dessen Minolta hin und her gepumpt hat, weil sie keinen Kontrast fand. Ha! Pacheiner versus AF 1:0. So die Gedanken eines jungen Mannes.

 

Ein paar Jahre später, eine halbe Dioptrien Sehfehler später. Umstieg auf Nikon, ausgereiftere AF-Systeme und eine Kamera, die alle Stücke spielte, die ich brauchte, mir wünschte (Die Nikon F-801s).

AF ist cool. Lässig. Viel besser, als selbst scharfstellen müssen! :) :) :)

 

Ende der 90er-Jahre - das digitale Zeitalter hält Einmarsch  (ja, Digitalkameras gab's schon in den 70er-Jahren, aber flächendeckenden Einzug hielten sie erst gegen Ende des vorigen Jahrtausends). Digitale Fotografie! Nicht mit mir. So was hat ja nichts mehr mit Fotografie zu tun! Und wenn der Himmel in blau nicht gefällt, wird er einfach umgefärbt? Ich frier mir stundenlang in der Kälte den Allerwertesten ab (ich bin damals tatsächlich oftmals um 5 Uhr morgens ausgerückt, um dann stundenlang im Schnee zu liegen und auf das richtige Licht und Motiv zu warten) und da macht das dann einer einfach mit dem Computer?

Nein danke. Unsportlich, uninteressant, kein Thema für mich. 

 

Analoge Fotografie geht ins Geld. Zig Filme entwickeln lassen. Schlechte Qualität der Labore, welche die Negative oft mit Kratzern ausliefern. Entwicklungsmaschinen, die auf Durchschnittsbelichtungen ausgelegt sind. Hab damals schon viel Gegenlicht fotografiert mit dem Ergebnis, dass die Fotos allesamt falsch ausgearbeitet waren. Zu hell, Schleier drüber, falsche Farben. Reklamation hatte in den seltensten Fällen bessere Resultate zur Folge. Meist hatte ich dann z.B. statt einem Grünstich einen Cyanstich im Foto und das Negativ hatte zusätzliche Fingerabdruck oder Kratzer drauf.

 

Für den Perfektionisten in mir höchst unbefriedigend. Digitalkameras wurden erschwinglicher und besser. Film eliminieren? Computer - die digitale Dunkelkammer? Kurzum: Digitalfotografie ist lässig, wunderbar!

 

Seit damals hüte ich mich vor absoluten Aussagen. Bin aktuell z.B. nach wie vor kein Freund von Spiegellosen Kameras und elektronischen Suchern, aber wer weiß ...

 

Zurück zum Thema. In all den Jahrzehnten gab es Bildbearbeitung und "Verfälschung". Verfälschung fängt beim Sehen an. Wer weiß, ob mein Gegenüber die gelbe Banane "gleich gelb" sieht, wie ich? Oder das Rot eines Apfels. Ein Farbenblinder wird dazu wieder eine ganz eigene Meinung haben.

 

"Verfälschungen" gab es schon zu analogen Filmzeiten. Wer ein und dasselbe Motiv mit einem Fujifilm oder z.B. einem Kodakfilm aufgenommen hat, wird unterschiedliche Resultate erzielt haben. Nicht eingerechnet die Verwendung von Effektfiltern und Farbfiltern.

 

Heute kommt es immer wieder vor, dass jemand zu einem Foto anmerkt, dass es "ganz ohne Photoshop" entstanden, nicht nachbearbeitet worden wäre.

Aha. Und jetzt? Ich denke, dass es dem Betrachter letztlich ziemlich egal ist, ob ein Foto nachbearbeitet worden ist oder "aus der Kamera" kommt.

Was zählt, ist das Ergebnis und ein schlechtes Foto wird durch das Argument, dass man für die Nachbearbeitung Stunden aufgewendet hat, nicht besser. Ebenso ist es meiner Meinung nach nicht relevant, ob bei einem guten Foto Photoshop zur Anwendung gekommen ist oder nicht.

 

Fotografie ist und bleibt ein kreativer Prozess. Seltsamerweise wird vor allem in der Fotografie immer wieder eingefordert auf Nachbearbeitung zu verzichten, so als ob die Nachbearbeitung das Wirkliche verfälschen würde.

 

Ein Foto ohne Nachbearbeitung wäre demnach "realistisch", die Realität. Wie sieht's dann mit folgendem Foto aus?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Foto ist vor acht Jahren im Winter in Mailand von mir aufgenommen worden. Ohne jegliche "Bildverfälschung" im Sinne von Nachbearbeitung. Dieses Foto würde somit die "Realität" zeigen. Wie sähe demnach die Realität aus? Eine arme, alte Frau bettelt barfuß in der Kälte um Almosen und wird von den Passanten ignoriert. Ebenso von der Frau in der hellen Jacke.

 

Tatsächlich hat die Dame links im Bild kurz zuvor der alten Dame tröstend auf die Schulter geklopft und ihr Geld in das Körberl geworfen. Fotografie kann somit auch ohne Bildbearbeitung manipuliert sein. Wobei die Interpretation des Fotos wiederum im Kopf des Betrachters entsteht, basierend auf eigener Einstellung/Haltung, eigenen Erfahrungen.

 

Meiner Meinung nach sollte jeder Fotograf für sich entscheiden ob und in welchem Ausmaß er seine Bilder nachbearbeitet. Letztlich entscheidet der Betrachter über Gefallen oder Nichtgefallen.

 

So, das war's mit meinem neuen Blogeintrag. Und so wie beim Rosaroten Panther - heute ist nicht aller Tage, ich schreib wieder keine Frage (wann, ist allerdings wieder eine andere Frage *grinst*).

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